Marseillan und die Revolte von 1907
Der Aufschwung, den Marseillan durch den Wein am Ende des 19. Jahrhundert erfährt, wird durch die Reblausplage zwar etwas gebremst, kann sich danach aber ungehindert fortsetzen. Doch ab dem Jahre 1900 bedroht eine neue Katastrophe das Languedoc: der Preisverfall des Weins. Die einfachen Tischweine, die in Marseillan (und im restlichen Languedoc) hergestellt werden, haben durch die in den Jahren der Reblausseuche in Algerien angepflanzten Weinfelder eine nicht zu unterschätzende Konkurrenz bekommen. Algerien ist französische Kolonie und produziert bedingt durch seine südliche Lage bessere Weine als der Süden Frankreichs. Die Winzer sind gezwungen, ihre Arbeiter zu entlassen, und der Gemeinderat Marseillans richtet am 1. März 1901 die vergebliche Bitte an die Regierung, doch "die Herstellung künstlicher Weine und von Weinen mit Zuckerzusatz zu untersagen".
Arbeiter und kleine Weinbauern, aber auch ein Teil der Fischer leiden Hunger. Ab 1904 beginnen sie, sich in lokalen Gewerkschaftsgruppen zu organisieren: landwirtschaftliche Gewerkschaft, Gewerkschaft der Fischer, der Küfer usw., die vom Gemeinderat unterstützt werden, der ihnen auch einen Raum für ihre Versammlungen zur Verfügung stellt. In diesen Jahren werden auch die ersten Streiks organisiert.
1907 kommt es zu regelrechten Volksaufständen der ausgehungerten und verzweifelten Bevölkerung , die traurige Berühmtheit in der Geschichte des Languedoc erlangt haben. Ohne hier näher auf die großen Demonstrationen in Montpellier und Béziers (siehe das dortige Denkmal an der Esplanade) einzugehen, möchte ich jedoch deren Auswirkungen in Marseillan aufzeigen.
1000 Marseillanaiser Bürger nehmen an der Demonstration in Béziers am 12. Mai teil, und fast die gesamte aktive Bevölkerung Marseillans (beinahe 2000 Menschen) ist bei der großen Volksversammlung am 9. Juni in Montpellier anwesend; die Leute kommen mit dem Zug, mit Pferdewagen oder sogar zu Fuß. Auch in Marseillan wird demonstriert, mit dem Stadtrat an der Spitze. Die Stadt ersetzt den an den Veranstaltungen teilnehmenden Leuten sogar den Lohnausfall.
Am 13. Juni 1907 tritt der Gemeinderat von Marseillan, dem Aufruf des Revoltenführers Marcelin Albert folgend, geschlossen zurück, wie es in vielen anderen Gemeinden des Languedoc ebenfalls der Fall ist. Um die sich in Schwierigkeiten befindlichen Winzer zu unterstützen, wird in Marseillan die erste Winzergenossenschaft gegründet.
Zu dieser allgemeinen Krise im Languedoc kommt in Marseillan im Jahre 1907 noch eine Klimakatastrophe hinzu: die Weinfelder werden überschwemmt und der größte Teil der Ernte ist dadurch vernichtet. Die Winzer verlieren jede Hoffnung. In den Dokumenten des Stadtarchives findet man eine Eingabe des Gemeinderates an die Regierung in Paris, doch "den Marseillanaiser Rosé- und Weisweinen die Kennzeichnung "Appellation d'origine" zu gestatten, um bessere Verkaufspreise erzielen zu können".
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